Resilienz: Die innere Basis, um Krisen zu meistern

Zwei Jahre Pandemie, Veränderungen des Alltags, Druck in der Schule oder vielleicht auch veränderte Familienverhältnisse – alles Situationen, die Kinder belasten können. Eine gute Basis, um alle Höhen und Tiefen des Lebens zu überstehen, ist Resilienz. Doch was bedeutet das eigentlich und wie können wir Kinder dazu hinführen, krisenfest durchs Leben zu gehen? Ein paar Denkanstöße dazu gab uns Resilienz-Trainerin Sandra Reimers aus Bad Vöslau ....
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Kurz gefasst bedeutet Resilienz die Fähigkeit, alle Krisen des Lebens „gesund" zu bewältigen – mit allem, was dazu gehört: die Fähigkeit der Reflexion sowohl der Situation als auch des inneren Selbst, Lösungsstrategien zu überlegen und diese dann umzusetzen. Und am Ende gestärkt aus einer Krise hervorzugehen. Klingt logisch und einfach, ist es aber – ohne bestimmte Ressourcen aus der Kindheit – nicht.

Elterliche Begleitung zur Resilienz von Geburt an
„Die Fähigkeit, sich auf Stress und Herausforderungen des Lebens vorzubereiten bzw. innerlich einzustellen, um in der jeweiligen Situation (re)agieren zu können, bezeichne ich als mentale Stärke bzw. Resilienz – immer mit dem Ziel der mentalen Gesundheit", beschreibt es Sandra Reimers. Selbstwahrnehmung und -steuerung, Reflexion, Ziel-/Lösungsorientierung, Akzeptanz der Situation, Selbst- bzw. Gefühlsregulation, Empathie, Eigenverantwortung und ein gesunder Optimismus – all diese Ebenen bilden die beste Basis, um krisenfest durchs Leben zu gehen. Dazu brauche es aber auch persönliche Schutzfaktoren, sowohl interne (z.B. die Familie) als auch externe wie beispielsweise ausreichend Schlaf, betont Reimers. Zu beachten ist: „Jeder von uns trägt eine unterschiedliche Resilienz in sich, denn die persönliche Veranlagung spielt auch eine Rolle", so Reimers.
Um unsere Kinder auf dem Weg zur Resilienz zu begleiten, ist bereits das so genannte Bonding in den ersten Lebensmonaten prägend: „Das Kind muss spüren, dass jemand in jeder Lebenslage da ist – von den Grundbedürfnissen wie Trinken und Essen bis hin zum Gefühl von Geborgenheit. Das gibt die Sicherheit, sich entwickeln zu dürfen." Dieses Sicherheitsgefühl, sich frei entwickeln zu dürfen, sollte in den Kindesjahren nie aufhören. „Die erhöhte Vulnerablität in den Entwicklungsübergängen, beispielsweise vom ,Kind' zum Schüler/zur Schülerin, erfordert von uns Eltern noch mehr Unterstützung, denn da ist diese Widerstandsfähigkeit am meisten angreifbar", so Reimers, da steht das Kind  – beispielsweise durch Wachstumsschübe oder hormonelle Veränderungen – ohnehin bereits vor neuen Herausforderungen und inneren Kämpfen. Reimers: „Gerade in diesen Phasen ist es besonders wichtig, sich für das Kind Zeit zu nehmen, Geborgenheit zu geben und bestehende Familienrituale einzuhalten." Genauso gehören Fürsorge, Glücksgefühle, Spaß, Leichtigkeit, Liebe, Freude, Zeitfenster für die eigenen Hobbys der Kinder oder einfach nur für das Nichtstun und die Möglichkeit, sich in seiner Kreativität ausleben zu dürfen, dazu. Und auch das Staunen, „denn durch das Staunen können wir lernen", so Reimers.
Die Welt des Kindes wird durch die verschiedenen Entwicklungsstufen immer größer – von der Kernfamilie im Kleinkindalter wächst diese über Kindergarten, Schule und soziales Umfeld immer mehr zum sozialen Netzwerk heran, welches bei der gesunden mentalen Entwicklung eine ebenso gewichtige Rolle wie die Familie spielt. „Soziale Unterstützung ist beim Erlangen von Resilienz wesentlich und genau das, was in den vergangenen beiden Jahren zum Teil massiv gefehlt hat", betont Reimers, „fehlt die soziale Unterstützung in kritischen Situationen ist dies einer der bedeutendsten Risikofaktoren. Denn ein soziales Netzwerk vermittelt Sicherheit, die in weiterer Folge hilft, Stress besser zu verarbeiten. Das soziale Netzwerk von Kindern und Jugendlichen ist je nach Lebensabschnitt ein anderes als bei Erwachsenen. Eltern, Geschwister, Kindergarten, Schule, Freunde – mit immer unterschiedlicher Wichtigkeit. In der Pandemie ist dies alles durcheinandergeraten und muss bei vielen Kindern und Jugendlichen erst wieder aufgebaut werden. In dieser speziellen Situation liegt es auch an uns Eltern, diese Kontakte zu unterstützen und damit dem Kind eine stabile Umwelt zu ermöglichen."

Positive Kommunikation als grundlegende Basis
Neben Ritualen wie dem täglichen Vorlesen am Abend, die Kindern Sicherheit und Geborgenheit geben, können auch kommunikative Rituale als fixer Bestandteil des Alltags eingeführt werden. „Beim gemeinsamen Abendessen in die Runde zu fragen ,Was hat dich heute am meisten gefreut? Was hat dich zum Lächeln gebracht? Was ist dir besonders gut gelungen?', und dann die Antworten der Familienmitglieder anzuhören, richtet den Fokus auf das Positive und stärkt nicht nur das Gemeinschaftsgefühl, sondern auch die Fähigkeit zur Reflexion", so Reimers. Ebenso sei es fördernd, wenn das Kind manches Mal als Experte befragt werde: „Hast du einen Tipp für mich, wie ich dieses oder jenes besser machen könnte?".
Die Kommunikation mit dem Kind ist wichtig für die gesunde mentale Entwicklung bzw. zur Erlangung von Resilienz. Reimers: „Ein klares und vor allem positives Wording ist wichtig – am besten auf Wörter wie müssen, sollen, aber, ... verzichten und dies vielleicht auch eimal als Wochenchallenge für die ganze Familie vereinbaren." Eine genauso wichtige Rolle spielt die Authenzität der Eltern – auch Erwachsenen geht es einmal nicht gut und das darf auch ruhig altersadäquat kommuniziert werden. Mit der Erklärung, warum es einem selbst einmal nicht gut geht, lernt das Kind, zu reflektieren und Gefühle artikulieren zu können – alles Wege zur sozialen Kompetenz. Damit gehen dann auch die Fähigkeiten, sich selbst besser regulieren und mit Stress besser umgehen zu können einher.

Hilfe zu suchen ist genauso ein Zeichen von Resilienz
„Das alles funktioniert aber natürlich nur, wenn auch die Eltern in einem ,guten' Zustand sind", erklärt Reimers, „eigene, persönliche Prioritäten sollten von den Erwachsenen immer wieder überdacht, definiert und kommuniziert werden. Dazu gehört auch die wichtige Frage, wem in der Familie welche Rolle zukommt und auch das Delegieren von Aufgaben, die Kinder in die Hausarbeit miteinzubeziehen. Ganz nach dem Motto ,In stressigen Zeiten halten wir zusammen'. Eltern sollten genauso auf persönliche Auszeiten achten und den Kindern damit zeigen, dass Erwachsene dies genauso brauchen. Diese Auszeiten gelingen am besten, wenn man sie den Kindern klar  kommuniziert."
Zur Resilienz der Erwachsenen gehört aber genauso, sich selbst so gut wahrnehmen zu können, um den Punkt zu erkennen, wann es nötig ist, sich „Hilfe von außen" zu holen. Reimers: „Wir leben in einer Gesellschaft, in welcher alles und jeder funktionieren muss, daher fällt es vielen Erwachsenen oft schwer, zu akzeptieren, wenn man alleine nicht mehr weiter weiß. Es gehört zur Resilienz  dazu, den Punkt abzuschätzen, an dem man Unterstützung von außen bzw. professionelle Hilfe braucht." Mit diesem Vorbild lernen Kinder, Situationen zu skalieren – in der eigenen Skala von aushaltbaren Belastungen und Krisen –, um dann gegebenenfalls auch Hilfe suchen zu können. •