Familie

Mein Kind hat Angst

Ein komplett angstfreies Leben gibt es nicht. Denn Angst ist die Antwort in unserem Inneren auf eine bestimmte Situation, der wir uns hilflos ausgeliefert fühlen – gefährliche, bedrohliche Situationen, Menschen oder Dinge. Die Corona-Pandemie stellt uns und unsere Kinder vor die Herausforderung, mit unserer Angst vor etwas „Unsichtbarem“  umzugehen und Wege heraus aus einer vielleicht lähmenden Angst zu finden.

Die Fähigkeit, Ängste zu benennen, zu unterscheiden und damit umzugehen, bezeichnet man als Angstfähigkeit. Sie bildet einen wichtigen Teil unseres Selbstbewusstseins.

Eine Welt voller Gefahren
Die Welt erscheint für Kinder oft so groß und voller Gefahren, zum Beispiel beim Wechsel des Lebensumfeldes oder im täglichen Straßenverkehr. Auch ein Corona-Virus gehört zu dieser großen Welt voller Gefahren – unsichtbar und nicht greifbar.
Die Furcht bzw. Angst vor realen Gefahren versetzt uns in Alarmbereitschaft. Wir sind dann sehr konzentriert, machen große Augen, um alles sehen zu können. Unser Herz pumpt viel Blut in die Muskeln, damit wir notfalls angreifen oder flüchten können.  Das ist eine sinnvolle Reaktion und Funktion unseres Körpers, die uns in der Evolution in vielen Situationen beschützt hat.Die Angst verschwindet wieder, wenn wir entsprechend handeln oder die Bedrohung verschwindet. Bei der Gefahr vorbeifahrender Autos kann man beispielsweise die Gefahr bannen, indem man an der Bordsteinkante stehenbleibt. Durch genaues Schauen und das Überqueren der Straße auf dem Zebrastreifen lernt das Kind, wie man dieser Gefahr begegnen kann. Wenn der Mensch also Angst spürt und dann gezielt etwas unternehmen kann, verwandelt sich das mulmige Gefühl wieder in Sicherheit.
Angst vor Gewittern: Blitz, Hagel und heftiger Regen können ja wirklich gefährlich werden und Schaden anrichten. Als Erwachsener schützt man sich da mit Versicherungen. Mit dem Kind kann zum Beispiel bei drohendem Gewitter im Garten alles weggeräumt und zugedeckt werden, danach begibt man sich ins Haus. Wenn Kinder lernen, bei Gefahren, die nicht abwendbar sind, dennoch handeln zu können, fühlen sie sich besser geschützt.
Corona ist bei vielen von uns auch sicher Ursache realer Angst – vor einer Ansteckung, einem schweren Verlauf oder gar Tod von Oma und Opa. Ist COVID 19 auch nicht sichtbar, kann es dennoch auch bei Kindern reale Ängste hervorrufen – je nachdem, welche Erfahrungen sie bisher mit der Pandemie gemacht haben. Auch hier kann es helfen, „reale“ Aktionen zu setzen, zum Beispiel zu erklären, warum zum Mund-Nasen-Schutz geraten wird und der “Baby-Elefant“ wichtig ist. Dies alles kann helfen, gemeinsam der Furcht zu begegnen und ein sicheres Gefühl zu schaffen.
Trennungsangst ist real
Die Trennungsangst kommt in verschiedenen Entwicklungsstufen sehr häufig vor und gehört bei Kindern zu den realen Ängsten. Wenn ein Kind von seinen Eltern verlassen wird oder sich zu weit von ihnen entfernt, kommt es tatsächlich in Gefahr. Daher hat die Natur vorgesorgt und Kinder ab dem Krabbelalter mit der Angst vor Trennungen ausgestattet. Das Ausmaß kann sehr unterschiedlich ausfallen. Wichtig ist, diese Angst als normal und natürlich anzusehen und dementsprechend genügend Eingewöhnungszeit für das Kind zu gewährleisten, zum Beispiel im Kindergarten. Besonders in diesen sensiblen Zeiten kann das vielleicht etwas länger ausfallen. Wenn sich das Kind eingewöhnt hat und sich geborgen fühlt, löst sich die Angst meist wie von selbst auf.

Fantasievolle Ängste
Die Furcht vor Ungewissem, zum Beispiel der Dunkelheit oder vor Monstern kennzeichnet Phasen der Kindheit. Sie erleben täglich neue Dinge in ihrer Umgebung, damit spüren sie auch immer wieder neue Regungen in sich. Durch die ständig fortschreitende seelische Entwicklung stoßen sie immer wieder auf neue unbewusste Bereiche. Damit kommt auch eine gewisse unbestimmte Angst einher. Über unbewusste Ängste, die schwer greifbar sind, lässt sich auch schwer reden. So helfen sich Kinder manchmal selbst, indem plötzlich ein Kuscheltier als „böse“ bezeichnet wird. Mit Hilfe solch eines bösen Gegenstandes kann das Kind seine unbewusste Angst bearbeiten. Normalerweise endet nach einem solchen Entwicklungsschub die Angst auch wieder.
Corona könnte aufgrund seiner „Nicht-Sichtbarkeit“ eventuell auch solche unbewussten Ängste hervorrufen, die nicht artikulierbar sind. Hier hilft es, zu beobachten und eventuell solche „Ersatzgegenstände“ zum Einsatz zu bringen.
Wichtig zu beachten: Kinder erleben in der Kleinkind- und Vorschulzeit ihre „magischen Jahre“. Charakteristisch für diese Zeit ist, dass unbelebte Dinge im Empfinden der Kinder ein Eigenleben entwickeln, zum Beispiel erwacht ein Auto zum Lebewesen, dessen Scheinwerfer die Augen sind. Gegen surreale Ängste hilft es oft, genau diese Fantasiefähigkeit des Kindes einzusetzen. So kann zum Beispiel eine Traumfee auf positive Weise eine „negative“ Fantasielandschaft bzw. Träume beeinflussen. Oder man zeichnet gemeinsam mit dem Kind die Monster auf, hängt die Zeichnung an die Tür, damit die Traumfee diese sofort erkennen kann. Rituale wie ein Abendgebet oder eine schützende Umarmung durch Mama vor dem Einschlafen können helfen und Schutz vermitteln.

Temperamentsache
Wie wir Ängste empfinden und damit umgehen, hängt auch von unserem Temperament ab. So erleben feinfühlige Kinder Alltagsereignisse oft intensiver als andere. Sie benötigen in solchen Situationen mehr Unterstützung zur Unterscheidung von unbegründeten Ängsten und begründeteter Furcht. Gerade in punkto Pandemie muss hier vieles erklärt und besprochen werden, um Sicherheit zu schaffen. Denn: Wie ein Kind lernt, mit seinen Ängsten umzugehen, also seine Angstfähigkeit zu entwickeln, hängt auch stark von uns Eltern ab.
Mut ist in solchen  Zeiten gefragt! Sprich die Fähigkeit, auch schwierige Situationen anzugehen und mit seinen Ängsten fertig zu werden. Das heißt, wir stellen uns  der Angst und benennnen sie. Selbstbewusst und mutig seine eigenen Fähigkeiten und Schwächen zu kennen, befähigt uns, realistisch gefährliche Situationen einzuschätzen. Mit Mut erkennt man, ob man sich einer Gefahr stellen und diese bewältigen kann oder doch Unterstützung braucht. Völlige Furchtlosigkeit ist somit eine Form der Selbstüberschätzung. Gefahren werden dabei verharmlost.
Corona zeigt uns ganz deutlich, wie jeder einzelne von uns mit der realen Angst davor umgeht. Was ist real, wo liegt die Unter- oder Übertreibung? Hier spielen unsere Angstfähigkeit und unser Mut eine große Rolle, wie sich auch unsere Kinder dieser Furcht stellen.
Schutzsymbole, kleine Zeichen, die wir ansehen und fühlen können, helfen gerade in Krisenzeiten, sich furchtloser zu fühlen. Sie zeigen „Du bist beschützt“, „Du bist stark“. Das kann der Liebelingstedddy oder ein Glücksstein sein.

Reden, reden und reden ...
... ist in dieser Zeit wichtiger denn je. Zeigen Sie Verständnis für die Ängste des Kindes und helfen Sie ihm zu unterscheiden, ob es reale Furcht oder Fantasie ist. Suchen Sie gemeinsam nach Möglichkeiten, etwas gegen die Angst zu tun, zum Beispiel mit Ritualen. Manchmal hilft es auch, zu erzählen, wovor man selbst als Kind Angst hatte und was man dagegen getan hat. Begeben Sie sich gemeinsam auf die Suche nach einem Mutsymbol. Bestärken Sie Ihr Kind in kleinen mutigen Verhaltensweisen - das stärkt das Selbstvertrauen und Selbstbewusstein.  (wind)

Quelle zu manchen Textteilen aus: „Selbstbewusst und rücksichtsvoll“ von Christine Kügerl.

mosaik: Was verstärkt bereits vorhandene Ängste bei Kindern?
Patricia Weiner: „Ängste werden unter anderen dadurch verstärkt, indem sie nicht ernst genommen oder beschwichtigt werden.
‚Da brauchst du doch keine Angst haben‘, ist zwar ein lieb gemeinter Beruhigungsversuch, nimmt das Kind allerdings in seiner für sich realen Angst nicht ernst, lässt es damit allein und gibt dem Kind das Gefühl, dass seine Empfindungen und Gedanken nicht ok sind.“
mosaik: Warum ist es in der Erziehung wichtig, sich auch seinen eigenen Ängsten zu stellen?
Weiner: „Kinder lernen den Umgang mit ihren Emotionen auch durch unser Vorbild. Wenn Mama oder Papa Ängste verdrängen, unterdrücken und beschwichtigen, lernt das Kind an ihrem Beispiel ebenso mit seinen Gefühlen umzugehen. Je authentischer wir unsere Emotionen zeigen, reflektieren und mit ihnen umgehen, desto besser kann auch das Kind lernen mit seinen Emotionen umzugehen.“
mosaik: Wie kann es trotz Corona-Ängsten gelingen, sein Kind zur Angstfähigkeit/zu mehr Mut zu begleiten?
Weiner: „Die Selbstregulation seiner Gefühle, einen gesunden Umgang damit und den Aufbau von Widerstandsfähigkeit erlernt das Kind durch Co-Regulation durch die Eltern. Ein Gefühl wahrnehmen und verstehen zu können, regulieren und beeinflussen zu können sowie die Haltung und den positiven Umgang damit bewusst herbeiführen zu können sind immense Lernschritte in der kindlichen Entwicklung. Es braucht unser Verständnis, unsere Nähe, einen liebevollen Umgang, unser Vorbild und Unterstützungsangebote durch uns, um diesen Prozess durchlaufen zu können.“

Patricia Weiner ist Dipl. Psychologische Beraterin mit einer Praxis in Bad Vöslau, Hochstraße 23

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