Premiere für mosaik Talk: "Pandemie & Schule – Krise oder Chance?"

SchülerInnen und Jugendliche mussten seit Pandemiebeginn vor allem lernen, Rücksicht zu nehmen, zurückzustecken und sich in Geduld zu üben. Und das neben viel Chaos im Schulalltag. Und wie sah es heuer zu Schulbeginn aus? Beim ersten mosaik Talk diskutierten ExpertInnen über Chancen und Risiken der Krise aus der Sicht von Familien und SchülerInnen.

„Es war ein enormer Zusammenhalt bei den Kindern spürbar, ein ganz anderes Zusammenarbeiten“, erzählte Martin Writzmann aus seinem Alltag als Mittelschullehrer in Traiskirchen. Eine gewisse Aufbruchsstimmung sei in vieler Hinsicht spürbar gewesen, waren sich die ExpertInnen bei unserem Podiumstalk einig, und es wäre gut, wenn dieser Wille zum Aufbruch und zur Veränderung mitgenommen werden würde. Als weiteren positiven Effekt nannte uns Mittelschuldirektor Stefan Petrovitz (Alland) die Digitalisierung: „Durch die Krise wurde endlich offensichtlich, dass unsere Ausstattung in diesem Bereich besser werden muss.“ Die Krise habe den gewissen Schubs gegeben, dass sich viele Dinge im schulischen Bereich verändern müssen.


 

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Schubs auch hin zu „neuen Lernformen“?

 

„Der Digitalisierungsschub durch die Pandemie hat uns aufgezeigt, dass vieles in sehr kurzer Zeit möglich ist – und das in einem System, dass straffe Strukturen hat. Meine Hoffnung ist, dass es auch in anderen schulischen Bereichen nachhaltig die Initialzündung ist, beispielsweise bei der Differenzierung in den Klassen“, betonte Lernexpertin Susanne Zeiler (Lerne.Lieber.Leichter!, Bad Vöslau). Das würde beispielsweise Legasthenie- oder Dyskalkuliekindern im Schulalltag helfen, wo momentan noch sehr viele Stopps durch die mangelnde Differenzierung passieren. Sie betonte: „Das liegt natürlich an den mangelnden Kapazitäten für Fördermöglichkeiten.“ Lerncoach Sandra Reimers (Lern Dir was!, Bad Vöslau) fügte hinzu, die Chance liege darin, den Fächerkanon etwas aufzubrechen: „Lernen passiert gemeinsam. Das ist das, was am meisten gefehlt hat. Online war und ist es schwierig, wirklich alle SchülerInnen ins Boot zu holen. Die Chance bestünde jetzt darin, auch herkömmliche Lehrpläne ‚auszumisten‘.“

Auf sozialer Ebene haben unsere Kinder lernen müssen, in der Isolation erfinderisch zu werden, wie sie ihre sozialen Kontakte weiterhin gestalten können. „Das ist eine große Stärke, die sie errungen haben und nun mitnehmen können“, betonte Jenny Haslbauer, Psychotherapeutin aus Berndorf, „und zugleich sind sie auch zur Selbstständigkeit ‚gezwungen‘ worden, wovon sie nun auch profitieren, wenn man beispielsweise an Kindergartenkinder denkt.“„Von der Elementarpädagogik her ist die Chance aus der Krise darin zu sehen, dass erkannt wird, dass wir bereits früh unsere Kinder zu mehr Medienkompetenz hinführen sollten“, fügte Melanie Ortner hinzu.

Schultag wie anno dazumal?

 

Das Schulleben ist sehr durch Corona und die Testerei – zumindest strukturell – beeinflusst, betonten beide Mittelschul-Pädagogen. Man habe als Pädagoge vieles auch erst durch die Pressekonferenzen erfahren, viele Detailfragen und Spitzfindigkeiten sind oft längere Zeit offen geblieben. Martin Writzmann: „Der Teufel steckt im Detail, das war unser Hauptproblem. Ein erster Schultag wie früher ist natürlich auch heuer nicht möglich gewesen, da zuerst getestet wurde, bevor überhaupt der Schultag beginnen konnte. Aus den Augen eines Taferlklasslers natürlich komisch. Obwohl die Kinder selbst das Testen bereits als alltäglich hinnehmen.“„Die oftmalige Kurzfristigkeit sorgte natürlich für Irritation und Unruhe – auch bei den Kindern, das ist ganz klar“, fügte Stefan Petrovitz hinzu.

„Kinder sind wesentlich anpassungsfähiger als wir meinen, beispielsweise eine Maske zu tragen“, so Susanne Zeiler, die heuer soviele ErstklasslerInnen bei sich als KlientInnen hat wie nie zuvor, „diese Anpassungs- und Lernfähigkeit, die uns allen bei diesen Rahmenbedingungen willkommen war, bringt aber auch Problematiken mit sich. Die Unsicherheit, die wir alle erleb(t)en, die vielfach auch auf die Schultern der Lehrer gelegt wurde, die vielfach nach bestem Gewissen handeln, aber auch vieles an Eltern delegieren mussten. Diese Unsicherheiten gingen und gehen auch auf unsere Kinder über. Und da ist die Bereitschaft bei Kindern in solchen Ausnahmesituationen auch viel größer, selbst die Verantwortung zu übernehmen - je jünger, desto mehr. Die SchülerInnen der Volksschule haben in dieser Zeit die Basics Lesen, Schreiben, Rechnen nicht so gut vermittelt bekommen, sollten jetzt aber trotzdem mit flüssigem Lesen ins neue Schuljahr starten - diese Verantwortung des ‚Scheiterns‘/‘nicht so gut Könnens‘ übernehmen sie selbst.“Jenny Haslbauer gab zu bedenken: „Anpassen bedeutet auch Zurückstecken von Bedürfnissen. Ich passe mich an in der Epidemie, aber es steckt viel Angst im Hintergrund. Das funktioniert über Monate. Diese Anpassung und Angst ist dann aber nicht per Handschnipsen wieder weg. Und was das für Auswirkungen auf unsere Kinder hat,  wird individuell verschieden sein.“

Noch nie soviele Elterngespräche wie heuer

 

„Der größte Wunsch unserer SchülerInnen ist, weiter in die Schule gehen zu dürfen, keine Lockdowns mehr – und wenn dann bitte ganz zuhause und keinen Schichtschulbetrieb“, erzählte Sandra Reimers von ihren vielen Gesprächen mit Teenagern: „Auch Jugendliche sind unfassbar anpassungsfähig. Die Situation ist jetzt für sie normal. Und es gibt eine große Impfbereitschaft unter den Jugendlichen.“ Das viel größere Problem, dass auf uns zukomme, ist jenes der „erschöpften Eltern“, betont sie, „Eltern, die nun der Reihe nach wegbrechen. Ich hatte noch nie soviele Elterngespräche wie heuer. Die Kombination Home Office und Jugendliche zuhause hat viele an den Rand ihrer Kapazitäten gebracht. Denn eigentlich wäre ja in diesem Alter die Zeit des Abnabelns und nun sind sie alle lange Zeit miteinander zuhause gehockt.“„Die Jugendlichen sind auf sich selbst zurückgeworfen worden. Viele haben darunter gelitten, irgend etwas zuhause zu haben, was ihnen in dieser Zeit  einen Sinn gibt. Mir haben immer wieder SchülerInnen geschrieben, dass ihnen die Decke auf den Kopf fällt – je nach den Bedingungen zuhause. Viele Kinder haben irgendwie ihren Platz nicht gefunden. Und diese komische Veränderung merkt man jetzt noch beiden SchülerInnen – da ist irgendwas noch nicht verarbeitet. Auch Unsicherheit ist noch da – wird es wieder normal weitergehen? Jetzt wäre es ganz wichtig, Kontinuität zu bieten, denn es ist immer noch Resignation und innere Unruhe da“, so Martin Writzmann.

 

Zukunftsaussichten?

Ein großes Thema war bereits vor der Krise, welche Anforderungen an Kinder gestellt werden – was sie können müssen, um nach der Volksschule in eine andere Schule zu wechseln. Das wird noch ein größeres Thema werden, als es vor der Pandemie der Fall gewesen war, da sind sich die LernexpertInnen einig.Zeiler: „Das beginnt bereits bei der Strukturgebung und endet beim Inhaltlichen. Kinder sollten z.B. Schularbeiten schreiben können. Sie  haben mit der Mama zuhause vielleicht 2-stündiges Dividieren erarbeitet und geübt – eine Schularbeit zu schreiben, ist trotzdem immer noch etwas anderes. Die Frage ist dabei jene der Vermittlung. Im Volksschulalter gibt es noch soviel Wissensdrang. Das Spielerische bei der Wissensvermittlung hat in dieser Zeit vielen gefehlt, weil das zuhause in der Form nicht möglich war wie im Klassenverband. Das können Eltern einfach nicht ersetzen. Und das ist die große Schwierigkeit. Ebenso ist das Tempo für viele eine Herausforderung – wenn seitens vieler Schulen mit diesem Tempo weitergefahren wird, wird das für alle noch die größte Herausforderung. Der Unterschied bei den Kindern, was sie können und wie weit sie sind, ist größer denn je. Mit ein Grund dafür: Die PädagogInnen wurden in die Eigenverantwortung entlassen - und das ist das Tragische. Und nun stehen plötzlich Eltern da und fragen, ‚warum kann das mein Kind nicht?‘. Und wer trägt die Last des „Versagens“ auf seinen Schultern - wiederum das Kind.“„Der Druck, in welche Schule das Kind nach der Volksschule geht, ist schon auch ein hausgemachter. Muss es wirklich ein Gymnasium sein? Das muss man sich auch einmal wirklich überlegen. Das wäre in dieser Zeit auch eine Chance, wieder einmal darüber nachzudenken“, fügte Martin Writzmann hinzu.

Ein neuer problembehafteter Alltag unserer Kinder

 

Die psychischen Auswirkungen dürfen in dieser Zeit auch nicht vergessen werden, so Jenny Haslbauer: „Depressionen und Angst haben bei Kindern und Jugendlichen stark zugenommen. Die Angst, wie  es weitergeht. Die Angst, jemanden anzustecken, die allgegenwärtig war. Schlafstörungen, nicht wissend, woher diese plötzlich kommen. Angststörungen, die sich in plötzlichem Kribbeln und Erstarrtheit äußern und die Jugendlichen wissen nicht, warum. Diese Problematiken kommen ja leider oft erst zutage, wenn wieder alles gut zu sein scheint. Fragen wie: ‚Eigentlich ist das Schuljahr gut angelaufen, warum kann ich nicht durchschlafen?‘ Was vorher vielleicht bereits an Problemen da war, wurde jetzt noch verstärkt.“Es sei ganz entscheidend, auch endlich an die Jugendlichen zu denken und das Wording direkt an sie zu richten, das habe in der ganzen Pandemiezeit größtenteils seitens der Poltik gefehlt, so Sandra Reimers: „Das ist ganz entscheidend, dass endlich direkt mit den Jugendlichen gesprochen wird, zum Beispiel auch mit StudentInnen, die die Uni noch nie von innen gesehen haben oder mit Lehrlingen, die sind überhaupt komplett vergessen worden.“

 

Hilfestellung für Kinder

 

Bei allen Problemstellungen – wie können Eltern und Erwachsene unsere Kinder in diesen Zeiten unterstützen?Struktur und (schulische) Organisation sind prinzipiell für Kinder und SchülerInnen wichtig, „jetzt noch mehr denn je. Das beginnt bereits mit Schulbeginn, der Pausenlegung, etc. Das beginnt aber bereits bei den Erziehungsberechtigten. Rituale sind gerade in solch einer Zeit ganz wichtig“, so Stefan Petrovitz.Susanne Zeiler: „Kreativ überlegen, wie kann man Spiele in den Lernmodus einbauen, um beispielsweise die Feinmotorik zu unterstützen. Eines der wesentlichen Themen wird sein, wieviel Zeit wir den Kindern lassen, vieles aufzuholen. Und flexibler werden: Was ist eventuell am Stundenplan entbehrlich? Der Fokus sollte nun eine Zeit lang auf die basalen Fähigkeiten gelegt werden. Hier alles von den Eltern zu ‚erwarten‘, ist meiner Meinung nach nicht richtig. Mental können Eltern unterstützen, indem sie entspannter werden. Es bräuchte viel mehr entspanntes Herangehen von allen Seiten.“„Als Eltern unsere Kinder gerade die alltäglichen Kompetenzen erlernen zu lassen, ist eine gute Begleitung und Basis – daraus gehen Kinder gestärkt hervor. Beispielsweise miteinander den Einkauf erledigen, miteinander kochen und das Kind selbstständig mithelfen lassen“, betonte Melanie Ortner und sie fügte hinzu: „Jede Krise ist für uns auch eine Motivation, dass wir kreativ werden - wenn die Kinder das miterleben dürfen, dann ist das ganz, ganz viel, was sie daraus mitnehmen können.“ •

Ich bin ein TEine mosaik-Veranstaltung in Kooperation mit Nah am Leben, Coaching und Beratung, e.U. und der „Gesunden Gemeinde Bad Vöslau“. StRin Anita Tretthann, mosaik-Herausgaberin Barbara Windwarder, Martin Writzmann, Jenny Haslbauer, Patricia Weiner von „Nah am Leben“, Susanne Zeiler, Stefan Petrovitz, Sandra Reimers und Melanie Ortner (v.l.) diskutierten beim 1. mosaik Talk.                                                      Foto:  W. Windwarder